Wie eine im Ausland lebende Schwedin das Problem der unnötigen Zwangsfortnahmen von Kindern in Schweden sieht
von Birgitta Hellwig
Der folgende Vortrag wurde von Birgitta Hellwig bei einem Symposium in Göteborg am 12. Juni 1998 zum Thema "Unnötige Zwangsfortnahmen von Kindern in den nordischen Ländern" gehalten. Veranstalter des Symposiums war Nordiska Kommittén för Mänskliga Rättigheter i de Nordiska Länderna. Der Vortrag wird hier in deutscher Übersetzung wiedergegeben. |
Man hat mich als im Ausland lebende Schwedin gebeten, darüber zu berichten, wie man in meinem zweiten Heimatland Deutschland uber die Zwangsfortnahmen von Kindern in Schweden denkt.
Wie sicherlich alle sehen, bin ich die Zwillingsschwester von Siv Westerberg und ich begleite sie meistens als ihre Assistentin, wenn sie in Fällen von schwedischen Zwangsfortnahmen von Kindern Verhandlungen im Europa-Gericht für die Menschenrechts in Strassburg hat. Aber, ich betone, dass ich keine Juristin bin; ich bin Mathematikerin. Ich wohne seit 37 Jahren in Detschland; mein Mann ist Deutscher.
Wenn Menschenrechte in einem Land verletzt werden, und das ist was in Schweden in vielen Fällen von unnötigen Zwangsfortnahmen von Kindern geschieht, dann ist es äusserst wichtig, dass man im Ausland davon erfährt. Man darf nicht später im Ausland sagen können: "Wir wussten von nichts, wir ahnten nicht, dass so etwas in einem Kulturstaat geschehen kann." So habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, über die schwedischen Zwangsfortnahmen von Kindern zu erzählen, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Und eine Gelegenheit bietet sich sehr häufig; Freunde und Bekannte fragen z.B. warum ich so oft nach Strassburg fahre, was ich da mache, etc.
Nun ist es so, dass die meisten Deutschen eine sehr grosse Bewunderung für Schweden hegen. Und wenn sie dann von diesen Rechtsübergriffen in Schweden hören, sind die meisten Deutschen enorm erstaunt und sagen: "Kann dies überhaupt wahr sein, ich dachte immer, Schweden sei eine Musterdemokratie, ein Vorbild für andere Länder, was Menschenrechte betrifft." Und dann kommt es etwas zweifelnd: "Aber da ist sicher was nicht in Ordnung mit diesen Eltern, denen man die Kinder fortnimmt." Man glaubt mir also einfach nicht.
Aber Siv (Westerberg) hat u.a. auch einen Fall von Zwangsfortnahme von Kindern, der eine Bauernfamilie in Värmland betrifft, in der der Vater deutscher Herkunft ist. Siv schrieb vor einigen Jahren einen Artikel (Pflegschaft der Abkassierer) über diesen Fall in der angesehenen deutschen Wochenzeitschrift Die Zeit. Ich nahm diesen Artikel, kopierte ihn und verteilte ihn unter meinen deutschen Freunden und Bekannten. Und dann glaubte man mir plötzlich. Handelte es sich um eine deutsche Familie, konnte man sich anscheinend in einer ganz anderen weise mit dem Fall identifizieren und man verstand, dass hier tatsächlich Rechtsübergriffe geschehen waren.
Und wie reagieren die in Deutschland lebenden Schweden, wenn man ihnen von Zwangsfortnahmen von Kindern in Schweden erzählt? Ich kann berichten, dass ich in Aachen, wo ich wohne, Mitglied einer Gruppe von ca. zwanzig Schweden bin, die einmal im Monat ein informelles Treffen hat. Die Gruppe besteht einerseits aus Schwedinnen, die mit deutschen Männern verheiratet sind und andererseits aus schwedischen Paaren, bei denen die Männer für schwedische Unternehmen in Deutschland arbeiten. Wenn ich bei diesen Schwedentreffen von Zwangsfortnahmen von Kindern in Schweden erzähle, wie reagieren dann die Schweden? Was die Schwedinnen betrifft, die mit deutschen Männer verheiratet sind, so sin sie völlig in der deutschen Gesellschaft integriert, haben aber meistens auch lebhaften Kontakt mit Schweden und besuchen Schweden oft. Sie haben also die allerbesten Voraussetzungen Vergleiche zwischen Schweden und Deutschland zu ziehen. Und sie sind gar nicht erstaunt, wenn ich über Rechtsübergriffe in Zusammenhang mit Zwangsfortnahmen von Kindern in Schweden erzähle. Ihnen allen ist es sehr wohl bewusst, dass Schweden kein Rechtsstaat ist. Und die zweite Gruppe, also Schweden, die für schwedische Unternehmen in Deutschland arbeiten, wie reagieren sie, wenn man das Gespräch auf Rechtsübergriffe in Schweden lenkt? Ja, meistens wechseln sie sehr schnell das Gesprächsthema. Man kann wohl vermuten, dass ihre unternehmen ihnen aufgelegt haben, im Ausland nicht schlecht über Schweden zu sprechen.
Und nun zu der zweiten Frage, über die man mich zu berichten gebeten hat: Geschehen auf diesem Gebiet in Deutschland ähnliche Rechtsübergriffe? Die Antwort is ja. Und hier habe ich meine Informationen vor allem aus dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel, eine Zeitschrift, die in seriöser Weise Miss-stände in Deutschland und im Ausland untersucht. Es ist wirklich schade dass es eine derartige Zeitschrift in Schweden nicht gibt. Es war übrigens Der Spiegel, der in einem gross angelegten Artikel erstmals die Welt auf die vielen unnötigen Zwangsfortnahmen von Kindern in Schweden aufmerksam machte. Für diese Tätigkeit schuf Der Spiegel das Wort "Kinder-Gulag".
Aber, wie so oft, war es auch hier so, dass das, was in Schweden auf sozialem Gebiet geschieht - im Guten wie im Bösen - sich zehn Jahre später in Deutschland wiederholt.
Und wieder war Der Spiegel der erste, der darauf aufmerksam machte. Der Spiegel produziert inzwischen auch ein Fernsehprogramm und in einer Serie von Fernsehreportagen zeigte man eine Auswahl von Zwangsfortnahmen von Kindern, die sich ganz nach schwedischem Muster abspielten, z.B. wie folgt: Einige Kindergärtnerinnen haben an einem Lehrgang über Inzest teilgenommen. Zurückgekommen beginnen sie damit, die Kinder in ihrer Gruppe auszufragen; sie führen den Kindern Puppen mit Geschlectsorganen vor, etc. Und nach ausreichend vielen Vorführungen und hinterhältigen und leitenden Fragen beginnen auch Kinder, die nie Opfer von Inzest waren, phantasivolle Geschichten von Übergriffen seitens der Eltern zu erzählen. Mehrere Kiunder werden dann zwangsweise den Eltern weggenommen und in Pflegefamilien untergebracht. und jeglicher Kontakt zwischen Eltern und Kindern wird unterbunden. Die Eltern werden vor Gericht gestellt, werden aber nach mehrjährigen Prozessen freigesprochen. Aber ihre Kinder bekommen sie nicht zurück. Es wird behauptet, dass die Kinder jetzt fest verwurzelt in den Pflegefamilien seien und ihre Eltern nicht mehr sehen wollen.
Und enorm hohe Pflegegelder für die Pflegeeltern scheinen heutzutage auch in Deutschland üblich zu sein. Vor kurzem hörte ich im Bekanntenkreis von einer Sozialarbeiterin, die jetzt ihr zweites Kind erwartet. Sie hat gesagt, dass sie nun mit ihrer Arbeit als Sozialarbeiterin aufhören und stattdessen ein Pflegekind aufnehmen will. Denn, wenn sie als diplomierte Sozialarbeiterin ein Pflegekind mit, wie es heisst, "besonderen Bedürfnissen" aufnimmt, so erhält sie als Pflegegeld genau so viel, wie sie vorher als Sozialarbeiterin als Gehalt hatte. Und auf diese Weise kann sie zu Hause bei ihren eigenen Kindern sein. So scheint die Unsitte, dass die Pflegekonder Geldquelle für Frauen werden, die zu Hause bei ihren eigenen Kindern sein wollen, heutzutage auch in Deutschland weit verbreitet zu sein.