Strafe muss (manchmal) sein

Interview Frank Gerbert

 

 

 

 

This interview with Eva Zeltner was previously published in Focus 21 1995.

 

* AUFGEWACHSEN im Kinderheim - als Kind (Jahr­gang 1931) von Heimeltern in Zürich. Aus­bildung zur Lehrerin und Heilpädagogin, Einsatz in Heimen für Verhaltensauffällige

* MUTTER zweier Söhne, die sie unter dem Ein­fluß neuer Theorien "halb antiautoritär" er­zogen hat

* SPÄTE KARRIERE: Psychologiestudium, Autorin mehrerer Bücher zu Erziehungsthemen

 

 

 

 

 

Kehrtwende unter Pädagogen: Man müsse dem Tyrann Kind Grenzen setzen. "Mut zur Erziehung" fordert die Buchautorin Eva Zelmer

 

 

Nur mit viel Lob und noch mehr Lie­be, ohne Verbote oder Strafen sol­len Eltern ihren Kindern begegnen das war seit Anfang der siebziger Jahre die herrschende Meinung unter Psy­chologen und Pädagogen. Möglicherweise lagen sie falsch: Immer mehr Kinder tyrannisieren ihre Erzeuger stellen Erziehungsberater fest; Jugend  leiden unter quälender Orientierungslosigkeit.

Auf dem einschlägigen Buchmarkt dominieren seit neuesten, Werke, die den betroffenen Eltern neue Wege weisen. Am entschiedensten geht die Schweizer Pädagogik-Autorin Eva Zeltner, 63, mlt den Folgen der Laisser-faire-Erzichung ins Gericht.

 

FOCUS: Wer sind die Opfer der kind­lichen Despoten?

 

Zeltner: Betroffen sind zwei Sorten von Eltern. Zum einen die bewußten Anhänger der sogenannten antiautoritären Erziehung, zum anderen - wohl der größere Teil - solche, die selber sehr streng erzogen wurden, mit Schlägen und Unterdrückung. Diese Eltern wollen das ihren eigenen Kindern nicht mehr antun und ihnen Freiheiten gewähren, die sie selbst nicht hatten. Das führt dann leicht zu den überbordenden und tyrannischen Kindern.

 

FOCUS: Haben Sie die Fälle, die Sie beschreiben, selbst erlebt?

 

Zeltner: Manchmal beobachte ich solche Fälle; manchmal erzählt man sie mir auch in Diskussionsrunden. Zum Beispiel hat dort ein Vater berichtet; daß sein kleiner Junge mit dem Schraubenzieher in Steckdosen herumstochere. Er, der Vater, habe zwar ein ungutes Gefühl dabei, wolle sich aber seiner Erziehungsgrundsätze we­gen nicht einmischen. Als ich ihm ins Gewissen redete, hat er mich wegen meiner angeblich repressiven Pädago­gik massiv angegriffen, Im Gespräch stellte sich dann heraus, daß dieser Mann in seiner Kindheit enorm unter­drückt worden ist.

 

FOCUS: In Ihrem Buch „Mut zur Erziehung" schildern Sie skurrile bis erschreckende Taten kleiner Erpresser.

 

Zeltner:... zum Beispiel, daß ein Kind jeden Abend mit einem Haartrockner in den Schlaf gefönt werden muß. In ei­nem anderen Fall kann das Kind nur auf dem Nacken des Vaters einschlafen. Ein Vierjähriger kotet in die Wohnung, wenn die Mutter gegen seinen Willen kurz weggeht. Und da kotzt ein fünf­jähriges Kind auf den Boden, wenn die Mutter es nur für Minuten verläßt, um in die Waschküche zu gehen.

 

 

FOCUS: Was macht die Kleinen zu Ty­rannen? Nach Jean-Jacques Rousseau, dem Erziehungs-Philosophen, sind Kinder von Natur aus gut und werden durch die Erziehung verdorben. Und das moderne pädagogische Credo lau­tet ja auch: Diese edlen Wesen dürfen von den Erwachsenen nur unendlich behutsam behandelt werden.

 

Zeltner: Kinder sind nicht nur un­schuldig. Jeder Mensch trägt neben guten Anlagen auch die Neigung zum Bösen in sich.

Ein kleines Kind braucht Orientie­rungspunkte, an denen es sich festhalten und sich erst einmal ein Bild der Wett verschallen kann. Es ist noch gar nicht dazu fähig, selbständig Entschei­dungen zu treffen.

Natürlich ist ein Kind sehr empfind­lich und verletzlich, aber wahrschemlich anders verletzlich, als wir glauben. Es wird nicht dadurch schwer geschä­digt, daß wir ihm sagen: Mit dem CD-Player deiner Eltern darfst du nicht spielen, nimm dein Spielzeug.

Wir Erwachsenen müssen dann auch aushalten, daß das Kind im Moment frustriert ist. Aber es erleidet noch lan­ge kein seelisches Trauma.

Ich habe festgestellt, daß viele Eltern es nicht ertragen, wenn ihre Kinder ein negatives Gefühl gegen sie zum Aus­druck bringen. Die Kleinen spüren sehr rasch, womit sie die Eltern erpres­sen können - mit dem Vorwurf: „Du hast mich nicht mehr lieb!"

Eltern sind vor allem dann für so et­was anfällig, wenn sie selbst zuwenig Bezichungspersonen haben ...

 

FOCUS: ... und angewiesen sind auf die Liebe des Kindes ...

 

Zeltner: Ja. Viele können auch ihre Grenzen zum Kind hin nicht wahrneh­men. Ich kenne Mütter, die sagen: Wenn mein Kind weinend vom Spiel­platz kommt, bricht mir das Herz.

 

FOCUS: Eltern neigen auch zu einer „Wankelpädagogik", schreiben Sie ...

 

Zeltner: Sehr häufig sind die Er­wachsenen überfordert mit dem dau­ernden Nachgeben. Wenn das Kind nie zufrieden ist mit dem, was es bekommt, wenn es sich nie mit einem Nein abfin­det, dann platzt auch sehr nachgiebi­gen Eltern einmal der Kragen. Sie wer­den dann aggressiv oder gewalttätig, auch aus geringfügigen Anlässen her­aus. Was wiederum für die Kinder völ­lig unverständlich ist.

 

FQCUS: Wie sieht eine Erziehung aus, die diese Fehler vermeidet?

 

Zeltner: Die Eltern brauchen eine ge­wisse Selbstsicherheit. Sie müssen eine klare Haltung einnehmen und dürfen sich nicht scheuen, dem Kind zu sagen: bis hierher und nicht weiter, und das von früh an.

Wichtig ist auch die Vorbildfunktion. Die Eltern können nicht Verhalten verbieten, das sie selbst pflegen. Wenn sie fernsehsüchtig sind, können sie ihren Sprößling nicht zu mäßigem TV-Kon­sum bewegen.

Gewisse. Regeln im Zusammenleben muß man Kindern lehren. Mit dem alten „Gehorsam" ha!, das nichts zu tun.

 

FOCUS: Wer Grenzen setzt, muß es auch sanktionieren, wenn diese ver­letzt werden. Doch Strafe ist in der heu­tigen Pädagogik ein Fremdwort.

 

Zeltner: Ich möchte bestimmt nicht einer „Pädagogik der Strafe" das Wort reden. Aber ganz ohne Sanktionen kommen wohl nur wenige begnadete Erzieher aus.

Es gibt Verhaltensweisen, bei denen das Kind eine Strafe sogar wünscht. Wenn es vorsätzlich einen Menschen geschädigt hat und sich bewußt ist: Das war nicht recht. Es wünscht auch, das Unrecht wiedergutzumachen.

 

FOCUS: Körperliche Strafen sind heu­te streng verpönt. Es ist aber ein offe­nes Geheimnis, daß auch moderne El­tern ab und zu mal „spontan" hauen. Ein Fall für den Kinder­schutzbund?

 

Zeltner: Es ist verstandlich, wenn El­tern ansnahmsweise einen Klaps austeilen.    Etwa dann, wenn daß Kind die El­tern vorsätzlich auf die Palme gebracht hui. Ich glaube nicht, daß ein Kind von einem Klaps Schaden erleidet. Ich rede wohlge­merkt von Klapsen und nicht von Schlägen, die immer noch in vielen Familien vorkommen.

 

 

Halt Die Schnauze, Mutter!

 

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